Pferdeausbildung

Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd, aber ein Reiter / Soldat ohne Pferd kein Kavallerist (tschechisches Sprichwort).

 

Ein Pferd ist mehr als nur ein Mittel der Fortbewegung. Als Lebewesen hat es seine eigene Dynamik und ist nicht an-, ab- und wegstellbar wie ein Fahrzeug. Seine Einsatzbereitschaft benötigt Vorbereitungszeit und ein längerer Halt weitere Aufsicht und Betreuung. Instinkt, Sinne und Herdentrieb des Pferdes erfordern besondere Beachtung. Der Instinkt ist ein angeborener, überlebenssichernder Trieb und Drang. Innere und äußere Reize lösen Instinkthandlung aus. Das Erkennen einer vom Pferd subjektiv empfundenen Bedrohung aktiviert den Fluchttrieb. Das Pferd orientiert sich aber auch am Verhalten anderer Pferde und ordnet sich in eine Herde, oft sehr flexibel und unterschiedlich ein. Dazu bedarf es einer gewissen Zeit und räumlicher Freiheit.

 

Eine dritte Ebene der Impulse bestimmt der Reiter. Diese ist bestimmt von Harmonie, Fürsorge und dem Geschick, die menschlichen Sinne und Fähigkeiten mit den Sinnen des Pferdes in Einklang zu bringen und zu ergänzen. Diese Kommunikation läuft über das gemeinsame Miteinander; Ausbildung ist ein Teil davon. Beim Einsatz mehrer Pferde, bei der kavalleristischen Gruppenbildung, ist auch das Herdengefüge zu berücksichtigen. „Asoziale“ Pferde sind als Kavalleriepferde eher ungeeignet. Eine gute Aufgabenerteilung geht auch auf Fähigkeiten und Charaktere der Pferde ein (Gruppierung, Einzelaufgaben). Kavalleriepferde sollen auch gute Handpferde sein (Verwundung des Reiters).

Sinne, Instinkt, Herde und Reiter

Sinne, Instinkt, Herde und Reiter

 

Pferde hören besser als Menschen. Die trichterförmigen Ohren, die einzeln um 180 Grad bewegt werden können, nehmen wesentlich mehr Schallwellen auf als die des Menschen. Damit können sie auch die Richtung und sogar die Entfernung eines sich nähernden "Feindes" orten. Bei unmittelbarem Lärm erschrecken sie. Daher muss das Kavalleriepferd auch an den Gefechtslärm gewöhnt werden. Allgemein gilt, dass der helle Schuss eines Gewehrs weniger problematisch ist, als der dumpfe Knall eines Geschützes. Manche Pferde sind sogar beim Geräusch des Ziehens des Säbels empfindlich. In der Gewöhnung darf das Geräusch nie mit anderen Negativ- oder Aufreizfaktoren (z.B. vorwärtstreibende Hilfen - Assoziation Fluchtverhalten) unmittelbar verbunden werden. Dauerlärm verursacht Stress, da ihr Instinkt ein Ergründen der Geräuschquelle fordert. Daher mag es oft besser sein, einen Bereitstellungs-/ Warteraum am Gefechtsfelde zu wählen, der sich eher abseits des Lärmes befindet (z.B.: eigene Artilleriestellungen), aber gerade noch das Beobachten des Geschehens erlaubt. Insbesondere bei Aufklärungs- und Sicherungsaufgaben sollte auch der Reiter den besseren Sinnen des Pferdes Aufmerksamkeit schenken (z.B.: Ohrenspiel) und das beobachtete Verhalten richtig und rechtzeitig interpretieren. Je nach Charakter, Geschlechtstrieb, Dominanz und ob das Pferd sich in einer Herdensituation befindet oder mit dem Reiter alleine ist, können Reaktionen von Pferden allerdings unterschiedlich sein. Ein Rezept für z.B. das Vermeiden eines verräterischen Wieherns gibt es wohl kaum.

 

Die Sehkraft des Pferdes ist eher auf Weit- als auf Nahsicht ausgerichtet. Was sich direkt vor seiner Nase abspielt, kann es kaum erkennen. Der seitliche Sitz der Augen ermöglicht mehr eine Rundumsicht, als räumliches Sehen. Pferdeaugen sind darauf ausgerichtet, mehrere Dinge gleichzeitig scharf zu sehen. So ist das Fluchttier Pferd in der Lage, den gesamten Horizont in der Breite zu erfassen und auf angreifende Feinde optimal zu reagieren. Pferde sehen in der Dämmerung sehr viel besser als der Mensch. Pferde prägen sich ihre durch das Auge wahrgenommene Umgebung sehr gut ein. Eine Veränderung (auch statische, unbekannte Objekte) wird als mögliche Gefahr eingeschätzt, sofern diese Veränderung nicht als Standardsituation (wie Straßenverkehr) dem Tier als harmlos bekannt ist. Gegen den folgenden Fluchtrieb gibt es nur zwei zueinander wirkende Mittel: Die Vertrauensbeziehung zum Reiter, oft auch zu anderen Pferden und die Eigenerfahrung/ Gelassenheit des Pferdes, erreicht durch die positive Gewöhnung an alle möglichen Situationen. Daher ist der Ausbildung des Pferdes im wechselnden und unbekannten Gelände nichts entgegenzusetzen. „Reithallen- und Boxenpferde“ sind daher oft keine guten Kavalleriepferde.

 

Schwingungen der Luft (Artillerieschuss) und des Bodens (z.B.: Brücken) nimmt das Pferd über den Hautsinn wahr. Am stärksten ist beim Pferd der Geruchssinn ausgebildet. Pferde erkennen sich nicht nur gegenseitig am Geruch, auch der Duft eines Menschen kommt ihnen fremd oder vertraut vor. Im kavalleristischen Vorgehen ist daher auch die Windrichtung bei der verdeckten Annäherung an den Gegner im Detail zu berücksichtigen. Nachdem normalerweise der Kavallerist meistens nach dem Duft seines eigenen Pferdes und evt. jener der eigenen Herde stinkt, dürfte es für ihn leicht sein, für das Pferd als integrierter Teil zu gelten. Neulinge können bisweilen noch so sehr versuchen, einen selbstsicheren Eindruck zu machen, mit ihrer sensiblen Nase können Pferde Angst immer riechen.

 

Je gelassener der Reiter, desto ruhiger sein Pferd.