Historisches zur Pferdeausbildung in der k.u.k. Kavallerie

Die Ausbildung der Pferde kann heute bei uns natürlich nicht in vollem Umfang genau so geschehen, wie vor 100 Jahren. Nicht so sehr, weil die damaligen Methoden nicht pferdegerecht gewesen wären. Ganz im Gegenteil. Es fehlt heute vielfach die Zeit dazu. Pferde werden heutzutage viel jünger angeritten, damals erst als Fünfjährige, einem Alter in dem heute viele Pferde schon Turniererfahrung nachweisen müssen. Uns ist das Grundverständnis der Pferdeausbildung der k.u.k. Kavallerie ein Anliegen und dieses möchten wir im Folgenden anhand von Zitaten aus dem Exerzierreglement veranschaulichen.

Grundsätzliches zur Remontenausbildung

"Ein Cavallerie-Pferd soll Ausdauer und unbedingten Gehorsam besitzen. Es muss vor allem, auch allein, willig vorwärts gehen, das geforderte Tempo gleichmäßig halten, die gewöhnlich vorkommenden Hindernisse willig und mit möglichst geringem Kraftaufwande überwinden und endlich sich in jeder Gangart leicht wenden und anhalten lassen. Mehr zu fordern ist zwecklos, ja sogar schädlich."

Übrtriebene Anforderungen ... rufen die erwähnten Nachteile hervor, wenn bei Remonten die Anforderungen zu schnell gesteigert, oder überhaupt zu hoch gestellt werden.
In noch höherem Grade leiden die Gelenke der Pferde durch übertreibene Anforderungen auf der Reitschule (=Reithalle, Anm), nämlich durch zu kurzen Galopp, zu häufige und scharfe Wendungen, gekünstelte Touren etc.

Gleiche Folgen hat eine rohe und gewaltsame Abrichtung; Sie macht außerdem die Pferde unwillig, menschenscheu, ja sehr oft böse und stützig. Menschenscheue Remonten müssen vor allem erst stall- und handfromm gemacht werden.

Kein Pferd darf vor dem vollstreckten fünften Jahre einrangiert werden.

Die Anforderungen sind allmählich zu steigern. Übereiltes Vortschreiten schädigt das Material (Anm. gemeint sind die Pferde) und verzögert die Abrichtung. Der Übergang von einer Abrichtungsperiode zur anderen soll erst dann erfolgen, wenn das Pferd den Anforderungen der niedrigeren Periode insoweit entsprochen hat, als es bei seiner Bauart und Temperamente vermag. Es wäre fehlerhaft, mit ganzen Remonten-Abteilungen gleichzeitig von einer Periode zur nächsten überzugehen. Dadurch würde die Abrichtung einzelner Pferde verzögert oder übereilt.

Der Reiter muss bei jeder Anforderung zuerst dem Pferde mit großer Geduld möglichst deutlich begreiflich machen, was er will. Wenn daher ein Pferd der Anforderung des Reiters nicht nachkommt, so wird beinahe immer der Grund darin zu suchen sein, dass es ihn nicht verstanden hat, entweder weil der Reiter sich nicht verständlich genug machte, oder weil das Pferd durch die früheren Übungen noch nicht gehörig vorbereitet war. In beiden Fällen wäre scharfes Eingreifen oder Strafen ganz schlecht.
Sobald ein Pferd einer Anforderung Folge leistet oder selbst nur den guten Willen zeigt auf das Verlangte einzugehen, muss man demselben, besonders wenn ihm die Übung schwerfällt, Erholung gönnen.
Wollte der Reiter Rücksichtslos seine Anforderung durchsetzen, so würde er Ermüdung, Widerwillen und endlich Widersetzlichkeiten hervorrufen.

Im Allgemeinen ist kein Pferd von Natur aus böse.

Zum Reiten der Remonten sind in erster Linie die Offiziere und Unteroffiziere zu verwenden, weil nur gute Reiter mit Schonung der Pferde die Dressur fördern.


Die Perioden der Pferdeausbildung:

I.Periode
In der I.Periode soll das junge Pferd lernen, den Reiter ruhig zu tragen, und sich durch eine mit seiner Nahrung und seinen Kräften im Einklang stehende zwanglose Bewegung kräftigen.
 
Mit dem Eintreffen beim Regimente wird ihre (Anm.der Remonten) Lebensweise dehr verändert. Dieser Übergang soll allmählich stattfinden; Hauptsache dabei ist, dass die jungen Thiere viel, mindestens täglich 2 Stunden im Freien bewegt werden.
Das Aufzäumen mit dem Wischzaume leiden (gemeint "machen") wohl alle im Stalle gezogenen Pferde. Wenn sie hiebei die Zähne schließen, so greife man mit dem Zeigefinger der linken Hand in der Gegend der zahnlosen Ränder in das Maul und schiebe das Gebiss in dem Augenblicke hinein, in welchem das Pferd infolge dieses Reizes das Maul öffnet. Durch gewaltsames Öffnen der Zähne wird das Pferd kopfscheu und lässt sich später immer schwerer Zäumen.

Das Auf- und Absitzen muss jeder Reiter anfänglich sehr vorsichtig ausführen. Nach dem Aufsitzen soll das Pferd einige Zeit stehen bleiben. Reicht man demselben Hafer, so trägt dies sehr dazu bei, dass es bald ruhig stehen bleibt, worauf ein Hauptaugenmerk zu richten ist.

Die Pferde werden vorzugsweise im Schritt und etwas im Trab geritten, welcher in der ersten Zeit nicht länger als 5 Minuten dauern soll und wobei das Leichttraben gestattet ist. Fällt ein Pferd von selbst in den Galopp ein, so soll man es in diesem fortgehen lassen, bis es von selbst wieder in den Trab übergeht.

Bei allen Wendungen muss anfänglich vorherrschend der innere Zügel und innere Schenkel wirken; man darf dem Ausfallen der Kruppe noch nicht entgegen wirken, weil junge Pferde noch nicht versammelt werden können. Die Ecken sind gut abzurunden. In der ersten Zeit haben alle Zügelzüge mit tief gehaltener Hand, bald anziehend, bald nachgebend, zu geschehen. Nach und nach muss aber das Pferd gewöhnt werden, dem allmählich verstärkt wirkenden Anzuge zu folgen. Bei fortgeschrittener Ausbildung darf erst dann nachgegeben werden, wenn das Pferd wirklich Folge leistet. Gibt man dann sogleich nach, so lernt das Pferd hiedurch am schnellsten die Zügelzüge zu verstehen.

II.Periode
In dieser Periode kommen die jungen Pferde auf die Reitschule (Anm. = Reithalle) und müssen vor und nach den Lektionen im Schritt bewegt werden. Im Anfang der II.Periode sind die Pferde nicht zu versammeln und hauptsächlich geradeaus zu reiten.

Das ganze Bestreben des Abrichtens muss zunächst darauf gerichtet sein, die Pferde gängig zu machen, das heisst sie müssen mit Anlehnung am Mundstück gut vorwärts gehen.

Bei Remonten geschieht der Übergang aus dem Trab in den Galopp anfangs am leichtesten, indem man sie in die große Tour nimmt und hierauf so lange mit beiden Schenkeln vortreibt, bis sie von selbst in Galopp einfallen, was zumeist richtig geschehen wird.

Gehen Pferde willig vor, so sucht man ihnen mittels des Reitens im versammelten Schritt und Trab in der großen Tour eine vermehrte Haltung beizubringen. Es folgt dann die Übung "Schulter herein".

Haben die Pferde schon so viel Haltung, dass sie sich aus dem Trab ziemlich leicht parieren lassen, so soll das Zurücktreten (Anm. = Rückwärts Richten) geübt werden. Man darf anfänglich das Zurücktreten nicht in Vollkommenheit fordern, da es sich bei Remonten nur darum handelt, dass sie überhaupt willig und ruhig zurücktreten. Mit Zwang soll das Zurückterten nie gefordert werden.

In dieser Phase erfolgt auch die Gewöhnung an das Schießen, die Trommel, Säbel, Lanze etc. Hierzu: "Zeigt ein Pferd bei einer dieser Übungen Unruhe, so darf man keine Strafe anwenden, denn die Ursache dieser Unruhe ist Furcht und Unkenntnis. ... Nach jeder dieser Übungen gibt er ihnen Hafer."

Gegen Ende dieser Periode sollen die Pferde in kleinen Abteilungen ohne bestimmte Ordnung etwa ein- oder zweimal in der Woche ins Freie geritten werden, Das zeitweilige Reiten ins Freie födert sehr die Abrichtung und weckt die Gehlust.

III.Periode
Die Ausbildung in dieser Periode bewirkt hauptsächlich, die Pferde geschickt, flink und wendsam zu machen.

IV. Periode
Geht ein Pferd in jeder Gangart mit ruhiger Kopfstellung und richtiger Anlehnung und Haltung entschlossen vorwärts und ist in jeder Beziehung gehorsam, so kann mit der Stange (Anm.: gemeint Kandarre) gezäumt werden.

Anfänglich sind besonders bei Pferden die ein empfindliches Maul haben, nur geringe Anforderungen zu stellen; denn ein von der Stange abgeschrecktes Pferd ist schwer zu korrigieren. Ein solches muss wieder abgezäumt werden.

Sind die Pferde in allen Übungen hinlänglich befestigt, so werden sie einige Zeit mit dem Stangenzügel alleine geritten.